Bildungssponsoring als Schnittstellen-management: Die Fantasiemaschine

Im Jahre 2004 realisierte Wissenschaft im Dialog (WiD) und der TIGERENTEN CLUB mit SCRIPT ein Modellprojekt zum Wissenschaftslernen und Bildungssponsoring mit Kindern. Wissenschaftler und Techniker aus fünf Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland begleiteten über hundert Kinder auf fünf Mitmach-Baustellen bei ihrer Konstruktion einer Kettenreaktionsmaschine.

Ein Auszug aus dem Aufsatz von Christoph Potting und Birgit Hackl in A. Bagusat & A. Hermanns (Hrsg.): Management-Handbuch Bildungssponsoring – Grundlagen, Ansätze und Fallbeispiele für Sponsoren und Gesponsorte, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2006

„Ächtz – Stöhn – Knatter – Ratter“: Die Fantasiemaschine
Im Wissenschaftssommer 2004 in Stuttgart platzte eine Woche lang das Ausstellungszelt aus allen Nähten. Die Presse- und Medienresonanz auf das Projekt war groß. […] „So eine Aktion kann für einige Teilnehmer lebensbestimmend sein", kommentierte Prof. Treusch, Vorsitzender von Wissenschaft im Dialog und Leiter des Forschungszentrums Jülich die Aktion. „Die Fantasiemaschine ist ein einmaliges und exemplarisches Projekt für kreatives Wissenschaftslernen mit Kindern", schrieben Tages- und Fachzeitungen. Bildungsministerin Edelgart Buhlman, das Ministerium für Forschung und Wissenschaft und die Europäische Kommission wählten im Frühjahr 2005 die Fantasiemaschine zu einem Modellprojekt für Wissenschaftskommunikation für Europa aus. […]

Schnittmengen und Inter-Faces
Ein Ball fällt auf eine Wippe. Die Wippe kippt und löst einen Schalter aus. Strom setzt einen Ventilator in Gang. Wind drückt eine Kugel in ein Laufrohr. Sie landet auf einer Mausefalle, die auch gleich losgeht. Klatsch macht es und die springende Feder der Falle gibt den Impuls weiter. Ein Schere schneidet einen Faden durch. Ein Gewicht fällt mit Wucht auf eine gespannte Feder... Eine Kettenreaktion gelingt, wenn ein Impuls von einer Installation zur nächsten weiterläuft. Die dafür nötigen Übergabepunkte oder Schnittstellen müssen funktionieren. Bei der Fantasiemaschine tun sie es auf eine faszinierende Weise. […]

Erfolg im Team
Fünf Teams von je 20-25 Kindern haben im Sommer 2004 drei Monate lang als Mini-Konstrukteure gearbeitet und die Gesetze der Mechanik, der Schwerkraft, der Hebelwirkung etc. praktisch erkundet und umgesetzt. Ihr gemeinsames Produkt, die Fantasiemaschine, wurde durch ein Netzwerk der besonderen Art möglich. Kooperationspartner aus Forschung und Wissenschaft, Medien und Pädagogik, Wirtschaft und Industrie fanden zusammen, um den Potentialen des Bildungssponsorings durch ein großes Modellprojekt eine deutliche Kontur zu geben. Und um zu demonstrieren, dass in wirtschaftlich und bildungspolitisch angespannten Zeiten Handlungsspielräume dann wachsen, wenn in der Zusammenarbeit unterschiedlicher Partner ein deutlicher Mehrwert für alle Beteiligten entsteht. […] "Wissen macht Spaß" – seit Frühjahr 2004 begleitet dieses Motto die Jahresaktionen der ARD-Kindersendung TIGERENTEN CLUB. Zum „Jahr der Technik 2004“ kam es unter diesem Aktionsdach zu einer interessanten Zusammenarbeit mit Wissenschaft im Dialog (WiD). Diese Dachorganisation aller bedeutenden Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland hat die Aufgabe, Öffentlichkeit und „verständliche Wissenschaft“ in einen produktiven Austausch zu bringen. […]

Der wissenschaftlich-pädagogische Kontext
Je früher, desto besser – Einschlägige Untersuchungen zur Lernbiografie von Kindern kommen zu einem wenig überraschenden Ergebnis. Je früher Kinder mit interessanten Angeboten und Lernerfahrungen aus Forschung und Wissenschaft in Berührung kommen, um so nachhaltiger ist die Wirkung auf ihre spätere Entwicklung. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen ebenfalls ein nachlassendes Interesse von Kindern und Schülern an Themen und Fächern der Naturwissenschaften und der Technik. Denn: Studien- und Berufentscheidungen im Kontext Naturwissenschaft, Technik, Kultur und Umwelt sind nachhaltig von Erfahrungen im Kindesalter geprägt. Das heutige Schulsystem ermöglicht Kindern solche Lernerfahrungen bisher nur im Ausnahmefall. […]

Bildung in Bewegung
Spätestens seit dem „TIMSS-Schock“ im Jahre 1997 liegen die Schwächen offen. Die „Third International Mathematics and Science Study“ bewies, wie wenig deutsche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften im internationalen Vergleich tatsächlich lernen. Die PISA Studie tat ihr Übriges. Seitdem ist einiges im Auf- und Umbruch. Und ohne diese „Bewegung“ wäre die Fantasiemaschine gar nicht denkbar. Kinder zeigen ein nachweisbares Interesse an (natur-) wissenschaftlichen Themen. Sachbücher und Zeitschriften für Kinder haben hohe Auflagen. Magazine aus Wissenschaft und Forschung machen im Rundfunk und im Fernsehen Quote. Internetseiten finden eine nachhaltige Aufmerksamkeit. Medien für Kinder können auf Themen aus Wissenschaft und Technik nicht mehr verzichten. […] Auch Schüler-Mitmach-Labore und Kinder-Unis freuen sich großer Beliebtheit. […] Das „Universum“ in Bremen ist das größte und bekannteste unter den Museen für Kinder und Kindermuseen. In diesen Einrichtungen steht die Vermittlung von Naturwissenschaft und Technik im Vordergrund. Auch kleinere „Science Center“ wie das „Mathematikum“ in Gießen finden Anklang in Medien und Öffentlichkeit. Alle diese Institutionen können über nicht einen Mangel an Besuchern klagen. […]

Bildungssponsoring und Communicating Science
Im Rahmen der Unternehmenskommunikation von Groß- und Mittelbetrieben fristet das Bildungssponsoring kein Schattendasein mehr. Aktuelle Marketing- und Kommunikationsstudien belegen, dass die Budgets für Bildungssponsoring wachsen, während Sport und Kulturausgaben bei Unternehmen abnehmen. Weil intelligentes Bildungssponsoring mit dem Kerngeschäft der Unternehmen in Verbindung steht, haben außerschulische Bildungs- und Lernprojekte mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt eine wachsende Bedeutung. Die Förderung des Interesses an Bildung, Wissenschaft und Forschung und die Einrichtungen und Interessen der Wissenschaft, der Bildung und der Wirtschaft sind bisher kaum miteinander verknüpft. Auch (Fach-)Hochschulen und Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung brauchen heute effiziente und phantasievolle Wissenschaftskommunikation. Das „public understanding of science and humanities“ ist insbesondere auf angemessene Öffentlichkeiten und Kommunikationsanlässe angewiesen. Die Fantasiemaschine ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie ein intelligentes Bildungssponsoring die Interessen unterschiedlicher Akteure verknüpfen kann und der Wissenskommunikation eine interessante Bühne bietet.

Hands on Science
In den vergangenen fünf Jahren haben sich jenseits von Bildungspolitik und Entscheidungen von Kultusministerkonferenzen in außerschulischen Lern- und Praxisfeldern Projekte und Initiativen etabliert, die Kindern und Jugendlichen neue Wege und Zugänge zu Themen aus Wissenschaft und Technik eröffnen. […] Um viel zu bewegen, wenn man früh anfängt, praktiziert diese „hands on“-Pädagogik einen Lern- und Bildungsbegriff, der sich von demjenigen in staatlich institutionalisierten Schulprozessen radikal unterscheidet. Klassische, strukturierte Lernprozesse bleiben oftmals auf frustrierende Weise abstrakt. Die Kommunikation im Sinne einer Einbahnstrasse verpflichtet die Teilnehmer zur passiven Rezeption. Das formlosere und informell-lockere „hands on“-Lernen stellt dagegen konkrete, aktive und interaktive Erfahrungen in den Vordergrund. […]

Surplus an Aufmerksamkeit
Keine Forschungseinrichtung und kein wissenschaftliches Zentrum kann heute auf „communicating science“ verzichten. Dieses Engagement steht in einem nationalen und lokalen Rahmen gleichermaßen. Es soll dabei behilflich sein, im Wettbewerb mit anderen Einrichtungen früh interessierte Mitarbeiter zu finden und zu binden. Im Run auf Fördermittel und potentielle Aufträge erfreuen sich Ideen für ein Surplus an Aufmerksamkeit großer Resonanz. […]

„Schnittstellen“ erfordern Perspektivwechsel
Dass eine Kettenreaktion ohne funktionierende Schnittstellen eine Fehlkonstruktion bleibt, ist selbstverständlich. Ein Ball fällt auf einen Schalter, der Schalter gibt den Strom frei und der Ventilator dreht sich, eine Dosenwand stürzt um usw.: Eine Kettenreaktion gelingt, wenn ein Impuls von einer Installation zur nächsten weiterläuft. Die dafür nötigen Übergabepunkte oder Schnittstellen müssen funktionieren... Es sind jedoch die Verbindungen von technischen und sozialen Lern“provokationen“, die die Schnittstellen der Fantasiemaschine für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen attraktiv machten. […]

Der pädagogische Erfolg des Projektes bestand jedoch insbesondere in seinem völlig unpädagogischen Zugang. Die Eigendynamik und modulare Konstruktionsweise der Kettenreaktionsmaschine verlangte den Kindern technische und soziale Kompetenzen gleichermaßen ab. Wer sich mit den anderen Konstruktionsteams darüber einigen musste, wie beispielsweise der Bewegungsimpuls einer Wippe so übersetzt werden kann, dass elektrischer Strom zum Antrieb eines Ventilators zur Verfügung steht, musste sich auf die Funktionsweise von elektrischen Schaltern und Aggregaten verstehen. Da gab es natürlich Debatten und Streit. Aber als Schlichter traten keine Pädagogen auf. Die Funktionslogik der Maschine objektivierte die unterschiedlichen Perspektiven. Der produktive (kommunikative) Austausch über den Um- oder Rückbau der individuellen Module zu einer funktionierenden Kettenreaktion hat den Tüftler-Gruppen der Mitmach-Baustellen die Fähigkeiten zur Verständigung, Problemlösung und Kooperation abverlangt. Pädagogik und Didaktik waren immanenter Bestandteil der Konstruktionsweisen. Diese Integration von technischen und sozialen Qualifikationen hat die Fantasiemaschine zu einem Modellprojekt des Wissenschaftslernens mit Kindern gemacht.

Christoph Potting & Birgit Hackl